Wie wir dem Tod ins Auge blickten…

Bevor wir den Rückweg von Isla Rosario antreteten, wollten wir unbedingt noch tauchen gehen. Einen Tag vor unserem gebuchten Tauchgang, probierten wir das richtige Tauch-Equitment an und verabredeten uns für den nächsten Tag um 6.00 Uhr morgens. Aufgeregt, packten wir unsere Sachen zusammen und verabschiedeten uns von dem süßen Hostel in dem wir übernachteten und dem Straßenhund, der Emma und mir hinterher gelaufen war, und ich Stunden lang probiert hatte ihn zurück zubringen, da ich keinen Streit mit den Hostelhunden verursachen wollte (kleiner Insider).

ACHTUNG: DIESER TEXT IST NICHTS FÜR SCHWACHE NERVEN!

Cocktails statt Tauchgang

Da standen wir nun pünktlich um 6.00 Uhr morgens, weit und breit sahen wir kein Boot und keinen Tauchlehrer. Die Minuten vergingen und nach einer guten Stunde verabschiedeten wir uns von dem Traum heute noch bunte Fische und Delfine zusehen. Also gingen wir zurück an den Hostelstrand. Zur kleinen Aufmunterung gab es frischen Fisch mit Reis und Salat. Wir genossen die Stunden am Meer mit Cocktails in der Hand bis unser gebuchtes Taxi Boot um 14.20 Uhr antuckerte.

Lars lief schon einmal vor und ich packte die letzten Sachen, auf dem Weg zu ihm wunderte ich mich bereits warum er nicht einstieg. „No, we already booked the return tickets. You can’t leave us here!” Als ich diese Sätze aus dem Mund meines Freundes verstand, wusste ich in welcher miserablen Lage wir uns gerade befanden. Das Boot war bereits voll! Der Bootsfahrer gab uns unser Geld zurück und da standen wir mit Sack und Pack am Strand.

Wir alle drei: Emma, Lars und ich hatten am nächsten Tag Schule und eine Unterkunft gebucht. Auch Christine, unsere Freundin, wartete auf uns. Aber das nächste Abholboot zum Festland würde erst in den nächsten Tagen kommen, Betonung auf „nächste TAGE”.

So ein Mist! Und jetzt???

Wir telefonierten hin und her, fragten in dem kleinem Restaurant nach und im Hostel aber nichts passierte… Wir hatten uns bereits angefreundet mit dem Gedanken einfach hier zu bleiben und in den Hängematten draußen zu schlafen, als der nette Kellner aufgeregt zu uns lief. „Ich hab ein Boot für Euch gefunden.” Wir konnten nicht glauben was er sagte. Er zeigte mit seinem Finger aufs Meer. Aber ich sah nichts außer ein kleines kaputtes Fischerbötchen, mit einem Kind und einem Mann drinnen. Ich schaute Ihn verdutzt an und er lächelte. Also das soll es sein?

Mit ach und krach passten wir alle fünf in das Bötchen hinein. Mal schauen wie weit wir mit der Schüssel kommen. Hätte mir in diesem Moment jemand erzählt, dass ich mitten auf dem Meer nicht mehr daran glauben würde, dass ich lebend aus dem Boot komme, wäre ich vermutlich schreiend weg gerannt und hätte brav gewartet bis mich das nächste Fährenschiff abholt.

Aber wir wurden nicht gewarnt, also stiegen wir ein und das Unglück nahm seinen Lauf.

Der Himmel war wunderschön blau und die Sonne prallte mit ihrer ganzen Kraft mitten auf unsere Köpfe. Langsam tuckerten wir aus offene Meer. Von weiter Ferne erkannten wir dunkle Wolken, die immer näher kamen. Lars fragte den Fischer, ob es denn nicht besser wäre umzudrehen, doch der Fischer und sein Sohn schüttelten nur den Kopf. Hatten sie uns überhaupt verstanden? Unser Spanisch reichte nicht aus, um mit ihnen darüber zu diskutieren und englisch verstanden sie nicht. Naja, wir waren optimistisch und vertrauten auf seine Erfahrungen.

Doch als Lars die ersten Blitze ins Meer stechen sah wurde die Frage zur Aufforderung. Aber auch hier lächelte uns der Fischer nur an und zeigte mit dem Daumen nach oben.

Schon war es geschehen, die Wellen wurden immer größer, von dem blauem Himmel war nichts mehr zu erkennen und es folgten schwarze Gewitterwolken. Schon befanden wir uns mitten in einem Sturm aus Hagel und Blitzen.

Riesige Wellen brachen in unser Bötchen ein, Lars probierte mit einem Eimer das Wasser aus dem Boot zu schöpfen, der Hagel stach mir ins Gesicht und ich probierte mich in meine Schwimmweste zu verkriechen, meine Lippen wurden blau und ich zitterte am ganzen Körper. Es blitze direkt über unseren Köpfen, wir versteckten uns auf dem Boden und saßen mitten im Wasser, da immer wieder neue Wellen ins Boot krachten und der strömende Regen die Sache nicht besser machte. Doch es war zu spät umzudrehen. Der Fischer verlor die Orientierung und sah nichts mehr, genauso wie wir. Gerade so erkannte ich die Spitze des Fischerbootes und ich krallte mich an dem Rand des Bootes fest und immer wieder wurden wir von rechts nach links geschmissen.

Bei jedem Donnern zuckten wir ängstlich zusammen. Keiner redete, keiner machte Witze oder sprach sich Mut zu und auch weinten wir nicht. Wir waren ruhig, obwohl um uns gerade die Welt unterging.

Lars blickte immer wieder in den Himmel und beobachte die Blitze als ob er probierte sich davor zu schützen. Wir waren der höchste Punkt auf dem Meer und kein Boot und Schiff war weit und breit zu sehen. Doch auch er wusste, dass wir jetzt in dieser Situation nicht fliehen konnten.

Ich im Gegensatz schloss meine Augen und dachte an meine Familie und meinen siebten Geburtstag in Lämmerspiel am Feld. Komisch das mir genau dieser Geburtstag in Erringung kam. Es war ein schöner Sommerabend und ich lag auf einer Liege mit meinem Opa und schaute den Fliegern zu im Himmel. Ich hörte meine Familie lachen. Allen geht es gut, sie wissen nicht was du gerade durch machst und das ist auch gut so.

Lars nahm meine Hand und sagte: Ich liebe dich.

Emma sprach aus, was wir alle dachten.

„Christine, wird uns vermissen und wissen das etwas nicht stimmte, und unsere Familien kontaktieren.” Als mir die Bedeutung dieses Satzes klar wurde, lief es mir den Schauer über den Rücken. Wir antworteten darauf nur mit einem Nicken.

Stunden vergingen und wir trieben auf dem Meer herum. Bis wir eine kleine Insel entdeckten. Mit der letzten Hoffnung tummelten wir dort hin. Die Insel war leer. Der Sohn des Fischers, der gerade einmal 14 Jahre alt war, erlitt einen Schock, wir probierten ihn mit den letzten trockenen Sachen aus unserem Dry Bag und Handtüchern zu wärmen und tanzten vor ihm und ihn abzulenken. Wir tanzten und hüpften Hampel-Männer, damit uns warm wurde.

Wir hatten einen extremen Schock und Adrenalin wie ich ihn zu vor noch nie gespürt hatte. Jeder reagiert anders auf so eine Situation. Lars zum Beispiel lachte ab und zu einfach so, weil er die Situation so kurios fand, ich verstummte und Emma redete leise vor sich hin.

Nach einer Stunde auf der Insel wurde das Meer ruhiger, es blitze und donnerte nicht mehr. Endlich fuhren wir unter strömenden Regen aufs Festland zu. Wir umarmten den Fischer, den Sohn und eine Glücksflut überrannte uns. Lange hielten wir uns in den Armen.

Wir verbrachten ganze acht Stunden auf dem Meer, anstatt zwei.

An diesem Tag verlor ein Fischer sein Leben.

Wir werden diesen Tag nie vergessen. Wir sind in Gedanken bei der Familie des Ehemanns, Vaters und Freundes der sein Leben auf dem Weg von Isla Rosario zum Festland verlor.

Wie fühlt man sich nach so einer Tragödie?

Angekommen auf dem Festland. Wurden wir bereits panisch von Christine in Empfang genommen. Zuhause angekommen, erzählten wir ihr was passiert war. Sie weinte bitterlich. Doch wir blieben noch kalt, als ob wir nicht dabei gewesen wären und es uns im Kino angeschaut hätten.

Wir holten Pizza bei einem Lieferanten. Und in dem Moment wurde mir klar, ich bin in Sicherheit, ich hab es überlebt. Mir liefen die Tränen über die Wangen mitten in der Pizzeria.

Die Tage vergingen. Die Schule war vorbei und wir verloren jegliche Unternehmungslust. Wir verbrachten die Tage im Zimmer, in der Wohnung von Emma und Christinen, schauten fern und redeten ständig über das Unglück. All die Nächte schliefen wir nicht gut.

Lars und ich entschieden uns dafür unseren Familien nichts zu erzählen und erst einmal Abstand von dem Erlebten zu bekommen.

Nun entschieden wir, dass es Zeit sei die Stadt zu verlassen, die Tapeten neu zu streichen. Wir fuhren nach Santa Marta und zum Tayrona Nationalpark, nach den drei Tagen entschieden wir noch einmal nach Cartagena zurück zukommen, um dann nach Medellin zu fliegen. Im Flieger hatte ich dann zum aller ersten Mal eine Panikattacke. Wie auch im Bott hatte ich keine Kontrolle über den Flieger. Meine Hände waren schweißgebadet und mein Herz pochte, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Und das obwohl im Flugzeug nichts Ungewöhnliches passierte. In Medellin angekommen überrannte uns das Heimweh und die Sehnsucht nach unserer Familie. Und wir entschieden. It’s time to go